STAMMTISCH: Ayşe Erkmen & Mona Hatoum und die zeitgenössische Kunst

Auch der zwei­te Stammtisch, die­ses Mal zum Thema Ayse Erkmen & Mona Hatoum und die zeit­ge­nös­si­sche Kunst, war gut besucht. Er fand pas­sen­der­wei­se im Café des Museums statt, wo die Gäste auch ein Bier oder ande­re Getränke zu sich neh­men konn­ten. In gesel­li­ger Atmosphäre spra­chen wir also über aktu­el­le Entwicklungen der Kunst und des Ausstellens, durch­aus kon­tro­vers, aber immer respekt­voll und pro­duk­tiv. Moderiert wur­de das Gespräch durch Frau Haas von Leipzig Weiterdenken.

Nach einer kur­zen Vorstellungsrunde haben wir zuerst kurz über die Ausstellung gespro­chen. Einige Teilnehmerinnen schil­der­ten ihre Eindrücke und was ihnen beson­ders gut gefal­len hat­te. Das waren zum Beispiel die Pinguine von Ayse Erkmen (By Nature), weil sie so humor­voll auf die Sammlung und die Situation vor Ort ein­gin­gen. Oder auch Remains of the Day von Mona Hatoum, die eine älte­re Besucherin an ihre eige­ne Kriegserfahrung erin­nert hat, aber auch die vie­len Konflikte von heu­te ins Gedächtnis ruft. Die Werke, so eine Teilnehmerin, „regen dazu an, über den Zustand der Welt nach­zu­den­ken“. Dabei wur­de posi­tiv her­vor­ge­ho­ben, dass es ver­schie­de­ne Vermittlungsmedien in der Ausstellung gibt, vor allem das Begleitheft, das mit weni­gen Anmerkungen zum Nachdenken anregt.

Von den gezeig­ten Werken aus­ge­hend ent­spann­te sich dann eine all­ge­mei­ne­re und gegen­sätz­li­che Diskussion über die Frage, ob das denn alles über­haupt als Kunst gel­ten dür­fe und wel­che Kriterien für den Begriff Kunst in Anspruch genom­men wer­den könn­ten. Während der Kurator der Ausstellung dafür plä­dier­te, dass es kei­ne fes­ten und objek­ti­ven Maßstäbe dafür gebe und dass es immer eine Frage des Aushandelns zwi­schen Menschen sei, was sie als Kunst gel­ten las­sen, fan­den eini­ge ande­re die­se Aussage zu offen und vage. Museen brauch­ten eine kla­re Vorstellung davon, was Kunst sei, schließ­lich wür­den sie mit Steuergeldern finan­ziert, um Objekt als Kunst zu sam­meln, zu bewah­ren und aus­zu­stel­len, da kön­ne man nicht alles als Kunst betrach­ten. Der Definition des Ausstellungsmachers Kasper König: „Kunst ist, was Künstlerinnen und Künstler machen.“ stand der vor Jahrzehnten unter­nom­me­ne Versuch des Bundesfinanzgerichts gegen­über, der Kunst immer mit dem Willen zur Form und zur eigen­stän­di­gen Weiterentwicklung von Form und Objekten in Verbindung brach­te. Ästhetische Definitionen, das Schöne und Wahre, wur­den ins Feld geführt, Sinnlichkeit und Vergnügen, aber gera­de sol­che Form- und Objektfragen spie­len bei vie­len zeit­ge­nös­si­schen Künstlern kei­ne Rolle mehr, die sich auf Duchamp oder die Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre bezie­hen. Dabei ist es wich­tig zu beto­nen, so der Kurator der Ausstellung, dass es heut­zu­ta­ge kei­nen ver­bind­li­chen Kanon mehr gibt, son­dern die Vielfalt unter­schied­li­cher Ansätze und Perspektiven eine ein­heit­li­che und kla­re Definition unmög­lich und auch nicht wün­schens­wert mache. Letzten Endes ist die­se Frage natür­lich nicht zufrie­den­stel­lend gelöst wor­den, aber hat gezeigt, wie unter­schied­lich Herangehensweisen und Verständnisse im Museum sind und wie wich­tig es ist, die­se Unterschiede zuzu­las­sen und gege­be­nen­falls auch aus­zu­dis­ku­tie­ren. Wichtig, und dar­auf konn­ten sich dann alle eini­gen, sei ein Mindestmaß an Unvoreingenommenheit beim Besuch von Ausstellungen und Museen.

Es wur­de dann über den Zusammenhang von Kunst und Politik gespro­chen, gar vor der Gefahr der Politisierung von Ausstellungen von eini­gen Teilnehmern gewarnt. Die Gefahr der poli­ti­schen Vereinnahmung ist ver­häng­nis­voll, kei­ne Ausstellung soll­te modi­schen Trends nur hin­ter­her­ren­nen, so der Kurator dar­auf hin, zumal die bei­den Künstlerinnen auf gar kei­nen Falls ein­sei­tig als poli­ti­sche Künstlerinnen wahr­ge­nom­men wer­den wol­len, son­dern allein als Künstlerinnen. Dennoch sind eini­ge Arbeiten in der Ausstellung poli­tisch bzw. regen zum Nachdenken über gesell­schaft­lich rele­van­te Fragen an, das ist auch ein Anliegen der Ausstellung. Und damit schloss sich der Kreis zum Anfang der Ausstellung, weil sich doch vie­le ange­regt gefühlt haben, sich auf die Werke ein­zu­las­sen und über die Themen nach­zu­den­ken, ande­re wie­der­um die Werke nicht schön oder anspre­chend fan­den und sich damit nicht beschäf­ti­gen woll­ten, son­dern im Museum eher einen Ort der Schönheit und der Kontemplation als der Diskussion sehen. Zum Abschluss sind wir dann gemein­sam run­ter in die Ausstellung gegan­gen, um uns den grü­nen Raum von Ayşe Erkmen anzu­schau­en, der für vie­le schwie­rig ist, und dann auch Projection, Hot Spot III und Quarters von Mona Hatoum, um die im Gespräch auf­ge­wor­fe­nen Fragen vor den Objekten noch mal zu prü­fen. Natürlich gab es am Ende kei­nen Konsens, aber das war auch nicht der Sinne der Sache, es ging in ers­ter Linie um den gemein­sa­men Austausch über künst­le­ri­sche, kura­to­ri­sche und zum Teil auch gesell­schaft­li­che Fragen und damit ver­bun­den über die Bereitschaft des Museums, sich dem Publikum offen zu stel­len. Der nächs­te Stammtisch, der am 7. Februar statt­fin­den wird, wird sich den Themen Heimatverlust und Identität wid­men. Seien Sie herz­lich ein­ge­la­den!

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