Ayşe Erkmen, Gemütliche Ecken, 2009

Ayşe Erkmen, Gemütliche Ecken, 2009 Courtesy of the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin, Barbara Gross Galerie, München / Munich, Dirimart, Istanbul

Ayşe Erkmen
Gemütliche Ecken, 2009
10 Aluminiumverbundplatten, lackiert, Maße varia­bel
Courtesy of the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin, Barbara Gross Galerie, München / Munich, Dirimart, Istanbul

Hinter dem Titel Gemütliche Ecken ver­ber­gen sich ein­far­bi­ge, monu­men­ta­le Aluminiumplatten, die wie ver­ges­se­ne, zufäl­lig abge­stell­te Tafeln an Treppen, Laternen oder Straßenschilder gelehnt, uner­war­tet im Stadtraum auf­tau­chen. Ayşe Erkmen ent­wi­ckel­te die Arbeit für das Festival stei­ri­scher herbst 2009 in Graz. Erkmens künst­le­ri­sche Interventionen schie­nen hier Einsatzstrategien und Nutzungen von Kunstwerken im öffent­li­chen Raum zu hin­ter­fra­gen. Die indus­tri­ell gefer­tig­ten Formen der Objekte, deren geo­me­tri­sche Aussparungen an Puzzleteile erin­nern, lie­ßen sich nicht mit ihren jewei­li­gen Aufstellungsorten in Verbindung brin­gen. Autonomen Skulpturen gleich, ver­wie­sen sie auf die kon­tro­ver­se Konzeption von drop sculp­tures ohne Ortsbezug, mit denen urba­ne Flächen bestückt wer­den. Mit ihrer sta­ti­schen Einfachheit und pro­vo­ka­ti­ven Leere bil­de­ten die Platten zudem einen star­ken Kontrast zu den Werbeplakaten der heu­ti­gen Konsumgesellschaft sowie den zahl­rei­chen Hinweisschildern im Stadtraum, erfül­len sie doch weder kom­mer­zi­el­le noch infor­ma­ti­ve Zwecke.

In Leipzig beset­zen fünf der Gemütlichen Ecken die Innenstadt, die von Freiflächen, brei­ten Straßen und luf­ti­gen Passagen domi­niert wird. Dabei tau­chen sie sowohl auf pro­mi­nen­ten Plätzen als auch an Orten auf, die zuwei­len wenig Beachtung erfah­ren. Mit ihren grel­len Industriefarben wer­den die Objekte zu visu­el­len Störenfrieden, die sich auch hier in das Stadtbild drän­gen, ohne eine Verbindung mit ihrem jewei­li­gen Präsentationsort oder Nutzbarkeit zu offen­ba­ren. Durch die­se Losgelöstheit von ihrer Umgebung sind die Arbeiten schwer zu ent­schlüs­seln, kön­nen bis­wei­len ver­wir­rend wir­ken. So for­cie­ren die Objekte eine bewuss­te­re Wahrnehmung des Stadtraumes, ohne zwangs­läu­fig als Kunstwerke iden­ti­fi­ziert zu wer­den. Vielmehr wer­den Vorbeigehende mit der Frage nach der Funktion der Objekte zurück­ge­las­sen. Ayşe Erkmens Arbeit zeigt so auf, wie stark die Wahrnehmung von Kunstwerken und des Stadtraums von der jewei­li­gen Rezeption der indi­vi­du­el­len Passantinnen und Passanten abhän­gig ist.

Die übri­gen fünf Gemütlichen Ecken wur­den auf kul­tu­rel­le Institutionen und Orte in Leipzig ver­teilt. Mit der Aufstellung der Objekte – etwa im Gewandhaus zu Leipzig oder in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig – erfolgt eine Erweiterung von Erkmens künst­le­ri­scher Strategie, grei­fen die Arbeiten doch vom öffent­li­chen Stadtraum auf den halb­öf­fent­li­chen Raum der kul­tu­rel­len Einrichtungen über. EY