Ayşe Erkmen, Jalousie, 2007 // Glassworks, 2015 // Shutters, 2017

Ayşe Erkmen, Jalousie, 2007 Courtesy of the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin, Barbara Gross Galerie, München / Munich, Dirimart, Istanbul

Ayşe Erkmen, Glassworks, 2015 Courtesy of the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin, Barbara Gross Galerie, München / Munich, Dirimart, Istanbul

 

Ayşe Erkmen
Jalousie, 2007
9 Jalousien, Baumwolle, Kunststoff, Maße varia­bel
Glassworks, 2015
Installation, 22 far­bi­ge Glasplatten, Strahler
Shutters, 2017
Installation, Fensterblenden in Bewegung
Courtesy of the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin, Barbara Gross Galerie, München / Munich, Dirimart, Istanbul

Für ihre Ausstellung in Leipzig bezieht sich Ayşe Erkmen immer wie­der auch auf älte­re Konzepte. Bestehende Ideen und Objekte die­nen dabei als Werkzeuge, mit denen sie ihre raum­be­zo­ge­nen Arbeiten ent­spre­chend der jewei­li­gen Situation neu ent­wi­ckelt. In der Wahl ihrer Mittel geht sie dabei mög­lichst zurück­hal­tend vor. Die künst­le­ri­sche Intervention mit dem Ziel einer Verschiebung der Wahrnehmung der Architektur und einer Neudefinition des Museumsraumes steht häu­fig im Zentrum von Erkmens Arbeit, so auch bei der Installation Glassworks, die sie ursprüng­lich 2015 für eine Ausstellung in der ehe­ma­li­gen Glashütte von Meisenthal in Frankreich ent­wi­ckelt hat. Von Scheinwerfern durch­leuch­tet, tau­chen die in Lothringen gefer­tig­ten, ver­schie­den­far­bi­gen Glasplatten auch den Leipziger Museumssaal in ein völ­lig neu­es Licht. Die wech­seln­den Farbspiele der Lichtkegel las­sen dabei eine Art Farbteppich ent­ste­hen.

Anders als in Frankreich, wo eine gro­ße Industriehalle durch die Intervention künst­le­risch umde­fi­niert wur­de und die Wahl des Materials Glas zugleich auf die ehe­ma­li­ge Funktion des Ortes Bezug nahm, zielt der Eingriff in Leipzig auf die Frage nach der Materialität von Kunst und auf das Selbstverständnis des Museums. Als Institution wur­de die­ses pri­mär als Ort des Sammelns, Bewahrens und Vermittelns von Objekten geschaf­fen; ent­spre­chend eig­net den meis­ten Besucherinnen und Besuchern eine for­ma­l­äs­the­ti­sche, objekt­ori­en­tier­te Rezeptionshaltung, die etwa durch Grafiken, Skulpturen oder Gemälde bedient wird. In Fortführung von Ansätzen der Konzeptkunst wei­tet Ayşe Erkmen nun den Skulpturbegriff auf den Museumsraum selbst aus, der, beför­dert durch die Lichtinstallation, phä­no­me­no­lo­gisch erfahr­bar und zum Werk wird. Das Licht ist imma­te­ri­el­ler Ausdruck die­ses Werkbegriffs, die dar­in ent­hal­te­nen Farben rei­ne Vergeistigung, viel­leicht ver­gleich­bar dem ‚Geistigen in der Kunst‘, das Wassily Kandinsky 1911 als Maxime der abs­trak­ten Moderne pro­pa­gier­te. Glassworks ist mit Ausnahme der Glasplatten, die Mittel zum Zweck sind, gegen­stands­lo­se Kunst. Erkmen bedient sich, von den Lichtkegeln und der Form der Glasplatten abge­se­hen, kei­ner Motivik, son­dern kre­iert mit unter­schied­li­chen Farblichtern ent­grenz­te und ver­geis­tig­te Abstraktionen, die in der Bewegung im Raum erfah­ren wer­den sol­len. Ferner ver­knüpft sie ihre auf den ers­ten Blick bezug­lo­se Arbeit auf kom­ple­xe Weise mit bekann­ten künst­le­ri­schen Strategien. So las­sen sich etwa Parallelen zur Verwendung von Licht in der Minimal Art zie­hen. Doch wäh­rend es einem Künstler wie Dan Flavin in ers­ter Linie um die Objekthaftigkeit der aus der kom­mer­zi­el­len Werbung stam­men­den Neonröhren ging, kon­zen­triert sich Ayşe Erkmen hier auf die Erfahrung des Kunstlichts selbst, ver­gleich­bar mit Künstlern wie James Turrell. Mit ihrem sub­ti­len Eingriff trans­for­miert sie den Ausstellungsort und zugleich die Raum- und Werkerfahrung der Besucherinnen und Besucher. Die Bewegung des Publikums durch den Raum wird Teil der Arbeit.

Mit Shutters und den bei­den Jalousien ergänzt Erkmen Glassworks durch einen mini­ma­lis­ti­schen künst­le­ri­schen Eingriff in die Museumstechnik: Die Fensterblenden des Ausstellungsraumes wer­den im Intervall von fünf Minuten geöff­net und geschlos­sen, wodurch der Raumeindruck sich zusätz­lich ver­än­dert. Auch hier greift sie kon­zep­tio­nell auf älte­re Interventionen wie Awesome/Blinds (2006, Christchurch, Neuseeland) zurück. In Leipzig hängt sie die Jalousien in Grünentönen als semi­trans­pa­ren­te Jalousien vor die gro­ßen Oberlichter in ihrem zwei­ten Ausstellungsraum im Souterrain des Museums. Während die Jalousien und Glassworks mit far­bi­gem Licht ope­rie­ren, nutzt die Künstlerin bei Shutters durch die Bewegung der Fensterblenden die unter­schied­li­chen Hell-Dunkel-Nuancen des ein­fal­len­den Tageslichts. Im Sinne einer Verschiebung kommt es bei den Jalousien und Shutters zur Interaktion mit dem Außenraum, die wie­der­um die Wahrnehmung des Innenraums ver­än­dert.

Bei Shutters besteht Erkmens künst­le­ri­sche Arbeit nicht in der Herstellung eines Exponats, son­dern in der Überführung der vor­ge­fun­de­nen Situation in ein ephe­me­res Werk. Dies mag zusätz­lich Irritationen aus­lö­sen, denn der künst­le­ri­sche Eingriff wird nur durch ein Wandschild, das sich nicht sofort zuord­nen lässt, als sol­cher gekenn­zeich­net. Das Werk muss nicht auf den ers­ten Blick als Kunst ver­stan­den wer­den. Der muse­ums­tech­ni­sche Vorgang, das Ein- oder Auslassen von Licht, könn­te ähn­lich dem Schließen von Sicherheitstüren im Brandfall ein nicht­künst­le­ri­scher Akt sein, der Verunsicherung her­vor­ru­fen mag. Ayse Erkmens künst­le­ri­sche Intervention, das Eingreifen in die Bewegung der Blenden, zielt aber auf die Veränderung der Raumatmosphäre und das Sichtbarmachen der Prozesse hin­ter den Kulissen eines Museums ab. So könn­ten hier Öffnen und Schließen auch als Thematisierung einer Herrschaftsgeste der Inklusion und Exklusion in kul­tu­rel­len Institutionen ver­stan­den wer­den. FB