Mona Hatoum, Paravent, 2008 // Daybed, 2008

Mona Hatoum, Paravent und Daybed, 2009 Courtesy of the artist

Mona Hatoum
Paravent, 2008
Geschwärzter Stahl, 211 x 302 x 5 cm
Sammlung Sander/The Sander Collection, Darmstadt

Mona Hatoum
Daybed, 2008
Geschwärzter Stahl, 31,5 x 219 x 98 cm
Courtesy of the artist

Die bei­den groß­for­ma­ti­gen Stahlplastiken Daybed und Paravent von Mona Hatoum gehö­ren zu einer Gruppe von Werken der spä­ten 1990er und der 2000er Jahre, bei denen die Künstlerin die Form von Haushaltsgeräten um ein Vielfaches ver­grö­ßert repro­du­zie­ren ließ. Zu der Gruppe zäh­len auch Arbeiten wie La gran­de broy­eu­se (Mouli-Julienne x 17) (1999) oder Grater Divide (2002). Von die­sen Alltagsobjekten fer­tig­te Hatoum auch Schwarz-Weiß-Fotografien an (etwa Untitled (gra­ters), 1999) und setz­te sie in einer Reihe von Frottagen ein (etwa Untitled (pas­soire de J-L), 1999). Die Geräte die­nen als for­ma­ler und the­ma­ti­scher Ausgangspunkt für Arbeiten, die durch Material und Format, aber auch durch das Verhältnis zum Raum und damit zur kör­per­li­chen Erfahrung der Besucherinnen und Besucher, eine bedroh­li­che, gar beängs­ti­gen­de Dimension ent­fal­ten kön­nen. Hatoum ver­bin­det mit Küchenutensilien wie den Reiben fami­liä­re Rollenbilder, die sie befrem­den. Dieses Befremden drückt sie aus, indem sie para­doxa­le Situationen für das Publikum schafft, das sich im Ausstellungsraum den nun lebens­gro­ßen Geräten aus­ge­setzt sieht. Durch die Konfrontation des Publikums mit die­sen dunk­len, schwe­ren Objekten wird die abs­trak­te Idee des Leidens unter häus­li­chen Konventionen in die eige­ne kör­per­li­che Vorstellungswelt über­führt.

Die Form von Daybed ist auf eine Reibe mit geschwun­ge­nen Enden zurück­zu­füh­ren, deren hori­zon­ta­le Arbeitsfläche Analogieschlüsse zu Schlaf- oder Sitzgelegenheiten zulässt. „Eher feind­se­lig als behag­lich“ (Mona Hatoum in Archer 2016, 18), ent­wi­ckelt die Arbeit, die wie eine Museumsbank auf­ge­stellt ist, eine star­ke kör­per­li­che Wirkung. Wie bei einer Küchenreibe ist auch hier der Stahlkorpus per­fo­riert, so dass die durch­sto­ße­nen Metallflächen in ras­ter­för­mi­ger Anordnung spitz nach oben zei­gen. Jede Benutzung des Objekts wür­de unwei­ger­lich zu phy­si­schen Schmerzen füh­ren. Die Funktionalität des Haushaltsgeräts hat Hatoum durch die Größenveränderung in einen dys­funk­tio­na­len Assoziationsraum über­führt, der Projektionsflächen für emo­tio­na­le und affek­ti­ve Verschiebungen bie­tet. Alltagsgegenstände wie die­se Küchenreibe kön­nen bei Hatoum zu bedroh­li­chen Folterinstrumenten wer­den, die kaf­ka­es­ken Albträumen ent­sprun­gen schei­nen.

Ähnlich ver­hält es sich bei Paravent, dem eine senk­recht ste­hen­de, drei­tei­li­ge Küchenreibe mit unter­schied­li­chen Perforationsmustern und Schlitzen zugrun­de liegt. Aufrecht ste­hend über­ragt das Objekt den Menschen und wirkt beun­ru­hi­gend, gar bedroh­lich. Die Funktion des Paravents als Raumteiler oder Sichtschutz wird durch die Löcher im Metall unter­lau­fen, die eher an Schießscharten oder Beobachtungsluken den­ken las­sen. Der Paravent wird zum Grenzzaun. So dient auch hier ein Alltagsgegenstand der psy­cho­lo­gi­schen Affektverschiebung, wird Projektionsfläche von Ängsten, Bedrohungsszenarien und Mechanismen der Ausgrenzung. Übertragen auf den Bereich des Häuslichen kann die­ser nicht nur als Ort der Geborgenheit, son­dern auch der Überwachung und Kontrolle ver­stan­den wer­den.

Durch die Verfremdung der Objekte und deren psy­cho­lo­gi­sche Aufladung im Sinne einer Affektverschiebung stellt Hatoum ihre Werke in Beziehung zu sur­rea­lis­ti­schen Ansätzen: In vor­ge­fun­de­nen Objekten (objets trou­vés) haben die Surrealisten Unterbewusstes zum Ausdruck gebracht und damit wie­der ins Bewusstsein gerückt, so etwa Meret Oppenheim mit ihrer berühm­ten Pelztasse (Déjeuner en fourr­u­re, 1936, New York, Museum of Modern Art). Das in Daybed und Paravent ver­wen­de­te Material – der dunk­le, küh­le und indus­tri­ell gefer­tig­te Stahl – ver­weist for­mal auf die ame­ri­ka­ni­sche und eng­li­sche abs­trak­te Plastik der Nachkriegszeit etwa von Anthony Caro oder David Smith. Hatoum ver­or­tet ihre Werke in einem Netz bekann­ter Formensprachen und Materialitäten. Doch bricht sie mit die­sen durch eine kon­fron­ta­tiv-bedroh­li­che Narration aus dem Bereich des Häuslichen und greift damit die von Sigmund Freud beschrie­be­ne dop­pel­te Semantik des Unheimlichen auf, das sei­ne beängs­ti­gen­de Wirkung nur durch die Nähe zum Bekannten und Familiären, zum Heimlichen, ent­fal­ten kann. FB